Ganz oben, im Rioja – ein Besuch beim Weingut Sierra de Toloño

Sandra Bravo | Sierra de Toloño | das neue Rioja

Ganz oben, im Rioja - ein Besuch beim Weingut Sierra de Toloño
Bernd hat Sandra schon 2018 auf der Prowein kennengelernt und war sehr angetan von den Weinen. Wir haben uns dann Probeflaschen schicken lassen und auch zuhause im Laden in Frankfurt konnten uns die Weine allesamt überzeugen. Wir waren angefixt, Spanien erschien uns lange Zeit ein wenig behäbig, zu sehr auf der durchaus erfolgreichen Schiene, kraftvoll, dunkle Frucht und viel neues Holz, fixiert. Viele dieser kommerziell erfolgreichen Weine Spaniens haben uns nicht abgeholt. Bei Sandra Bravo war das von Anfang an anders.

Die zweite Versuchung

Wir probieren gerne mehrere Jahrgänge eines Weinguts, darum war klar, der Besuch bei Sandra Bravo ist ein Fixtermin auf der Prowein 2019. Die sympathische junge Winzerin empfing uns wieder mit viel Euphorie und Begeisterung, erzählte uns vom letzten Jahr im Weingut, von den Entwicklungen und dass sie immer mehr ein Gefühl für ihre Weinberge, ihre Reben bekommt. Hier saß eine junge Weinmacherin vor uns, die allein mit ihrer Art schon Lust auf ihre Weine machte. Und die Weine hielten locker mit der Begeisterung der Macherin mit.

Wie oben bereits geschrieben, Spanien war nie unser Lieblingsweinland, auch deshalb war mir nach dem Besuch auf der Prowein klar, ich muss da hin. Ich brauche neben dem Eindruck im Glas auch immer den Eindruck der Region aus der die Weine stammen. So beschlossen meine Frau und ich, auf unserem Portugalbesuch im Juni soll es einen Abstecher ins Rioja geben.

Unser Hotel: Viura

Ganz oben, im Rioja - ein Besuch beim Weingut Sierra de Toloño
Sonntagabend, 02. Juni, kamen wir in Vilabuena an, wir hatten ein Zimmer und einen Tisch im neuen, modernen Hotel Viura gebucht. Das Haus bietet einen spannenden Mix aus Weinambiente und modernen klaren Linien, auch der Fels hinter dem Haus ist in die Gestaltung der Lobby einbezogen. Ein kleiner Luxus nach der langen Fahrt. Das Restaurant bietet eine anspruchsvolle, modernisierte, mediterrane Küche. Am Tisch angekommen erwartete uns eine echte Überraschung, Sandra musste sich an dem Abend um ihr Kind kümmern, ihr Mann ist auch Winzer, allerdings im einige hundert Kilometer entfernten Priorat. Sie konnte also nicht mit uns zu Abend essen, aber als kleinen Trost hatte sie 4 Weine ins Restaurant des Hotels gebracht, die wir zum Menü testen sollten.

Die Weine von Sierra de Toloño zum Menü

Die Patronin des Restaurants und der Chef-Sommelier betonten beide welch tolle Weine Sandra Bravo mache und dass sie auch schon länger ein Auge auf die Tropfen geworfen hätten und demnächst einige Weine ins Programm aufnehmen wollen. Auch hier herrschte die gleiche Begeisterung über die Qualität wie bei Bernd und mir. Für mich war das natürlich ein großes Glück, so konnte ich die Weine auch in Begleitung von Speisen verkosten und ich hatte die Gelegenheit mehr als nur einen kleinen Schluck zu probieren. Wein muss man ja auch trinken um ihn ganz zu verstehen.
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2017 Sierra de Toloño branco

Dazu hatten wir Bio-Spargel aus Navarra mit Panna Cotta und einem Schaum von einem lokalen Käse.
Das Gericht eher cremig, schlottrig, der gegrillte Spargel brachte dezent Bitterstoffe vom Grillen und Spargel selbst ein. Der Wein war die perfekte Begleitung, wenig Frucht, kräutrig, mit feiner mineralischer Ader, Würze, etwas Citrus, gab dem Gericht Frische. Speise und Wein machten hier viel Spaß und waren der perfekte Einstieg in einen genussvollen Abend.

2017 Nahi branco

Dazu gab es “Anguiano” Bohnen, die mit der lokalen Blutwurst als Sauce gekocht waren, dazu norwegische Krabben. Ein eher rustikales Gericht, das aber perfekt die verschiedenen Aromen in Szene setzte. Blutwurst und Fisch ist ja keine Neuheit, auch hier harmonierte die Würze der Wurst mit dem Kaisergranat und die Bohnen gaben die Basis, das cremige im Mund dazu. Der Nahi war dazu schlicht grandios. Allein wusste der Wein schon zu überzeugen, sehr elegant, mit langem Nachhall. Ähnlich wie der kleine Bruder wenig Frucht, eher Kräuter, Blüten, helle Aromen, ein Wein der aus sich heraus strahlt. Dann wieder die mineralische Würze, gute Säure, hier schmeckt man die Höhenlage, Sandras Weinlagen gehen bis auf 700/800m.

Für mich war das der beste Gang des Abends, Gericht großartig, Wein grandios, zusammen die perfekte Ergänzung und Aromenexplosion. Vom Nahi branco haben wir dann dem Restaurant-Team nicht ganz so viel übrig gelassen ;-).

2017 Sierra de Toloño tinto

Dazu hatten wir Thunfisch, der leider einen Tick zu weit war, ich bevorzuge es, wenn der Thunfisch nahezu roh und nur außen ganz kurz heiß gegrillt ist. Sehr schön dazu war das Petersilienwurzel Püree mit Citrus-Emulsion und gepickeltem Thymian.

Der kleine Rote war dazu eine schöne Begleitung, er hatte ausreichend Frische und Frucht für den Thunfisch, störte sich nicht an der Citrussäure der Emulsion und nahm die Thymianwürze sehr schön im Eigengeschmack auf. Wieder zeigte der Wein, dass es Sandra um Frische, Eleganz bei ihren Weinen geht, schon der kleine Rote hat zwar Kraft, aber auch eine extreme Triftigkeit, wirkt eher kühl-würzig, ohne dabei ins Karge abzudriften, wie man es heute bei manchen gelobten Weinen für mich zu oft antrifft. Das ist für mich Saufwein auf hohem Niveau und das meine ich extrem positiv, denn solche Weine sollen auch einen gewissen Trinkfluss bieten, sollen eben nicht satt machen und trotzdem Schmelz haben. Hier perfekt gelöst. Chapeau.
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2016 Camino de Santa Cruz

Reinsortiger Tempranillo aus einer Einzellage der Sierra de Toloño, alte Reben, Kalkmergel und Kalkgestein, vergoren in Amphoren und dann im Holzfass gereift. Der Wein zeichnet sich durch seine Eleganz aus, eher floral, dann herbe rote Beerenfrucht. Der 2016er kommt jetzt langsam in die erste Trinkphase, würzig, kühl, mineralisch, ein eleganter Rotwein, den ich erst einmal nicht in’s Rioja gesteckt hätte, diese Finesse, diese Eleganz kannte ich von dort bei jungen Weinen eher nicht. Im Abgang zeigt er dann doch welche Kraft und Substanz im Wein steckt, wow, der bleibt ewig am Gaumen, chargiert immer wieder, toll.

Das Huhn musste sich hier klar hinten anstellen, das Essen war jetzt Begleiter dieses grandiosen Rotwein, der sich mit selbstverständlichem Auftritt in den Vordergrund stellte. Macht nichts, im Gegenteil wir waren glücklich diesen grandiosen Wein als Abschluss der 4 Weine von Sandra Bravo zu trinken. Großes Wein-Kino, das neue Rioja von dieser sympathischen, jungen Winzerin.

Nach dem Essen freute ich mich schon auf meinen Termin am nächsten Morgen mit der Winzerin.

Besuch des Weinguts und der Weinberge

Pünktlich um 9:00 Uhr kam Sandra Bravo am Hotel an, begrüßte mich herzlich und es ging gleich los in Richtung ihrer Weinberge. Zuerst fuhren wir in die Sierra de Toloño, ganz oben bei ca. 700m hat Sandra einige alte Rebberge kaufen oder pachten können, die noch alten Rebbestand haben. Die meisten Reben sind 80 Jahre und älter, alles altes Klonmaterial, Sandra spricht vom echten Rioja, von den traditionellen Pflanzen. Diese würden auch anders schmecken als die Neuzüchtungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Ihre Neuanlagen bestockt sie durch Selektion Massale aus ihren alten Reben.
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Mit großer Begeisterung erzählte mir Sandra Barvo von ihren Weinlagen, von den alten Rebstöcken, von den besonderen Weinen, die man hier machen kann. Die Begeisterung der jungen Weinmacherin war sofort ansteckend, hier arbeitet eine junge Frau mit großer Freude, aber auch mit einem enormen Ehrgeiz, beides konnte ich später im Keller in den Weinen wiederschmecken. Hier oben, kurz unterhalb der Baumgrenze weht immer ein kühler Wind, der Nässe schnell abtrocknet, was der Gefahr von Mehltau entgegen wirkt. Gleichzeitig unterstützen die unterschiedlichen Temperaturen am Tag und in der Nacht die Aromenausbildung und die Kühle der Höhe lässt die Trauben langsamer reifen, was auch die Aromen komplexer macht. Spannende Anekdote am Rande, 2018 hat Sandra ihre letzten Trauben im November geerntet, eine Woche später fielen die ersten zarten Schneeflocken in der Region.
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Rote Trauben für trockene Rotweine hingen zu dem Zeitpunkt sicher keine mehr in Deutschland, so viel zum Thema cool climate.
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Nach den Weinbergen ging es in den Keller

Wir fuhren zurück nach Vilabuena, wo Sandra auch noch Weinberge besitzt, vor allem für den roten Raboso, der immer etwas fleischiger, kraftvoller schmeckt, weil die Böden in Vilabuena tiefgründiger und tiefer liegen. Aber auch die beiden Nahi-Weinberge rot und weiß liegen hier. Der Keller ist ein unspektakulärer Bau am Rande des alten Dorfkerns. Hier hatten einmal drei Weinbauern ihre Weinkeller zusammen gelegt und nebeneinander drei Keller gebaut, das Projekt war leider nicht ganz so erfolgreich, so dass man einen der drei Keller heute nicht mehr benötigt, er wurde räumlich getrennt und an Sandra verpachtet. Für die junge Winzerin ein Glücksfall, der Bau erstreckt sich über 3 Stockwerke, Trauben und Most kann mit der Schwerkraft bewegt werden, was der Qualität zu Gute kommt.

Wenn man vom Eingangsbereich und der Traubenannahme in das Treppenhaus geht hat man einen schönen Blick auf die Edelstahltanks und die Amphoren, in denen noch ein Teil der 2018er Ernte liegt und zum Teil noch gärt. Sandra arbeitet mit Spontangärung und die kalten Winter führen hier dazu, dass teilweise die Gärung einschläft und erst im Frühjahr, wenn es wärmer wird, weitergeht. Für Sandra kein Problem, sie hat Zeit und lässt Ihren Weinen ebendiese.
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Traditionelles Weinmachen: Amphore und Holzfass

Die Weine werden meist im Edelstahl vergoren, einige Topweine vergären in den Amphoren, der Ausbau erfolgt im Holz, fast ausschließlich 500ltr. Fässer oder traditionelle Fuder. Das Thema Amphore beschäftigt Sandra sehr, in Zukunft wird sie da noch ein paar Amphoren dazu nehmen und die Weine auch teilweise in den Amphoren ausbauen, weil die Reife ähnlich wie im Holz verläuft, aber die Weine weniger geschmacklich durch das Matereial geprägt werden. Ich hatte später die Möglichkeit den 2018er la Dula aus alten Garnacha-Reben aus der Amphore zu probieren, siehe auch Bild ganz oben, da kommt etwas großartiges auf uns zu.
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Sandra arbeitet mit Holz von verschiedenen französischen Fassmachern, die Fässer sind eher dezent getoastet, natürlich hat sie auch ein paar Stockiger-Fässer im Keller, geht heute bei ambitionierten Weinmachern wohl nicht mehr anders.
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Danach hatte Sandra dann noch die aktuellen Jahrgänge für eine Verkostung vorbereitet.
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2018 Sierra de Toloño branco

Viura aus den Bergen, altes Klonmaterial, zum größten Teil alte Reben, teilweise in Selektion Massale nachgepflanzt. Im Antrunk erst eher neutral, wenig Frucht, kühl, würzig, florale Noten, weiße Blüten, Jasmin und etwas Orangenblüte, dezent, nach hinten kommt die salzige Mineralität, Kräuter und Würze, sehr elegant, tolle Länge. Der perfekte Essenszeit, Spargel, helles Fleisch, gerne mit Kräutern gegart oder Seefisch.

2018 Nahi branco

Viura und Malvasia aus Vilabuena, 80jährige Reben, niedriger Ertrag, wieder weiße Blüten, eher Holunderblüte, straff und fokussiert auf der Zunge, hat Zug, Kräuter, sehr mineralisch, kalkmineralisch, würzig, lang. Wirkt noch etwas verschlossen, mit Luft öffnet er sich und wird etws charmanter. Aktuell kommt er noch nicht ganz an den 2017er vom Dinner am letzten Abend ran. Sandra meinte aber, das kommt noch.
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2018 Sierra de Toloño tinto

Rote Beeren und mediterrane Kräuter, in Frankreich würde man sagen Aromen der Garique, frisch, Sauerkirsche, gute Balance, da ist alles am rechten Fleck, herrlich herbe Frucht, gute Länge. Ein Einstiegswein der seriöse Qualität zeigt, der nicht auf banale Süße, sondern auf authentische Substanz setzt.

2017 Camino de Santa Cruz tinto

Der Jahrgangsnachvollger vom Wein beim gestrigen Dinner. Wieder in der Amphore vergoren und dann in 500ltr. Fässern ausgebaut, im Frühjahr gefüllt, zeigt sich noch adstringierend und verschlossen, man kann die Substanz schon erkennen, feste Struktur, feinkörniges Tannin, das noch etwas den Wein dominiert, wieder herbe Beerenfrucht, feine Würze, Kräuter, dezent Holz, eher grünes Holz als Kakao-Röstnoten. Komplex und noch sehr jung.

2017 Raposo tinto

Aus Vilabuena, der Weinberg liegt auf 500m, das Mikroklima im Tal von Vilabuena ist wärmer, die Böden tiefgründiger, die Wasserversorgung ist besser, das ergibt Weine die generöser sind, als diejenigen von den Höhenlagen der Sierra de Toloño. Wir schmecken hier deutlich mehr dunkle Frucht, Brombeere und Schwarzkirsche, der Wein zeigt mehr Kraft, Druck am Gaumen, bleibt aber doch elegant, ein muskulöser aber nicht fetter Wein. Ein Gaumenschmeichler mit Anspruch.

2017 Nahi tinto

Reinsortig Tempranillo von 5 Gewannen aus dem Ort Vilabuena, die Rebstöcke sind 80 Jahre alt und wachsen auf ca. 500m Höhe. Für mich Tempranillo at it’s best, unglaublich feines Tannin, feinstes Schleifpapier auf der Zunge, Trinkseide, herbe, natürliche Frucht, eher rote Beeren, dann auch Kirsche, vielschichtig, zeigt immer wieder neue Facetten. Klar noch viel zu jung, trotzdem macht das Probieren riesen Spaß. Genialer Stoff. Gänsehautwein.

Aus der Amphore gab es dann noch la Dula (Garnacha)

2018 la Dula tinto (Amphorenprobe)

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2017 gab es keinen la Dula, die alten Reben hatten so gut wie keine Trauben getragen, Spätfröste während der Blüte hatten zu massiven Einbußen geführt. Aber 2018 war eine hochklassige Ernte und Sandra konnte neben dem eigenen la Dula Weinberg auf ähnlich alte und hochklassige Trauben von anderen Weinbergen zurückgreifen. Im Moment sieht es sehr gut aus, dass Sandra auch weiterhin die Trauben von diesen Weinbergen bekommen kann.

Ein echter Gaumenschmeichler, man schmeckt warum Garnacha auch der Pinot des Südens genannt wird, elegant, rotbeerige Frucht, Johannisbeere, Kirsche und ein Touch süße Walderdbeere, dazu Würze, Kräuter, das macht einfach unglaublich viel Spaß immer wieder in den Wein hinein zu schmecken, neue Nuancen zu erschmecken, tolle Länge. Da kommt richtig Gutes auf uns zu. Der zweite Gänsehautwein der sympathischen Weinmacherin.

Wir freuen uns schon sehr auf die Weine von Sandra Bravo, Sierra de Toloño, in unserem Programm. So macht Rioja wieder richtig Spaß. Vorbestellungen sind bereits möglich und sinnvoll. Die Mengen bei Sandra sind noch klein, insbesondere bei den Lagenweinen 2017 Nahi tinto (Tempranillo aus Vilabuena) und 2018 la Dula tinto (Garnacha aus den Berglagen, kommt erst 2020).

Hier gibt es die Weine bei uns im Shop: Sierra de Toloño