Wohlwissend wie anstrengend ein ganzer Tag Wein-Degustation ist, begannen wir mit den Topweinen aus Hermitage, vorzugsweise zu Beginn des Tages die Weißweine. Hermitage ist der berühmteste Cru der nördlichen Rhone und das einzige Weinbaugebiet des nördlichen Rhônetals, dessen Rot- und Weißweine gleich hohes Ansehen genießen. Seinen Namen hat Hermitage dem Kreuzritters Gaspard de Sterimberg zu verdanken, der sich laut der Legende 1224 als Eremit in die auf seinem Gipfel errichtete Christophorus-Kapelle zurückgezogen haben soll.
Ganze 12 Winzer hatten ihre Weine angestellt, diese sollte man doch in zwei bis drei Stunden schaffen, dachten wir. Nachdem wir den einen oder anderen Wein probiert hatten, kam doch eine ziemliche Enttäuschung auf. Was gerechtfertigt nur dieses hohe Preisniveau bei so mittelmäßiger Qualität. Viele Weine haben wir probiert, denen jegliche Frische abgeht, die breit und schwer im Mund liegen und denen jegliche Trinkanimation fehlt, so kamen mir die ersten Weine vor. Eigentlich wollten wir schon zur nächsten Station aufbrechen, aber am Stand von Chapoutier war mal wieder kaum ein Durchkommen und dieses Mal folgte ich der Meute, den Mythos Hermitage zu ergründen. Und wir haben verstanden! Um es deutlich zu sagen: dass, was hier an weißem Hermitage präsentiert wurde, hat den Namen Hermitage auch verdient, das ist Championsleague, diese Weine heben sich deutlich von allen anderen ab.
2008 Hermitage blanc Chante-Alluette
Helles Gelbgold, weicher Ansatz, zart unterstützende Säure, Schmelz, zarte Holznote, wunderbarer Schmelz, Anklänge von frischem Steinobst (Mirabelle), mittelkräftig am Gaumen, am Ende Noten von gereiftem Cognac. 88/100
2010 Hermitage blanc Chante-Alluette (Fassprobe)
Deutlich mehr an Frucht, aber auch an Konzentration. 90/100
2008 Hermitage blanc L´Oree
Mittleres Gelbgold, am Gaumen Tabak und Graphit, von intensiver Konzentration, gut eingebundene, reife Säure, erinnert mich irgendwie an einen Honivogl Smaragd Veltliner von Hirtzberger aus 2000. Am Ende kommt noch eine leicht nussige Geschmacksnote dazu. 93/100
2010 Hermitage blanc L´Oree (Fassprobe)
Auch hier ein knappes mehr an Konzentration, dazu kandierte Frucht, die Frucht allgemein präsenter und herrlich klar, samtiger Schmelz. 93+/100
2008 Hermitage blanc Le Meal
Hochreife Frucht, wirkt etwas schlanker und kommt weniger über die Frucht, sondern mehr mit würzigen Kräuternoten, wirkt insgesamt deutlich zurückhaltender und eher verschlossen, gegen Ende kandierte Früchte. 92+/100
2010 Hermitage blanc Le Meal (Fassprobe)
Hochfarben, ein Maul voll Wein, wow. Immense Konzentration im Mund gepaart mit Kraft und Eleganz. Großartige, reife Säure im Hintergrund mitschwingend und unterstützend. Herrlich schmelzig. Hermitage fast perfekt. 95/100
2010 Hermitage blanc L´Eremite
Im Prinzip eine Kopie des Meal 2010, allerdings zeigt er seine ganzen Ambitionen nur Ansatzweise, ein schlafender Riese, dazu ganz fein in seinen Aromen, druckvoll und elegant, Kräuter, feines Gaumenspiel. 95+/100
Mit diesen Weinen waren wir weit über eine Stunde beschäftigt und während ich diese Zeilen schreibe, kommt ein bisschen Wehmut auf, denn ich weis, dass mir solche Momente leider nicht allzu oft begegnen werden und es sich schon dafür gelohnt hat, Ellenbogen und blaue Flecken zu akzeptieren. Ob bei mir jemals eine Flasche aufgrund der Preise im Keller landen wird? Den roten Hermitage habe ich angetestet, aber die werde ich mir für 2013 aufheben, sie tiefer zu ergründen.
Nach so einem großartigen Genuss fällt es schwer, Weine der anderen Winzer auch nur annähernd mit diesen Weinen zu vergleichen. Zu groß ist der Abstand, ich habe keinen Wein mehr in der Art wiedergefunden, einzig die Tropfen von Marc Sorell fanden bei mir noch Gefallen, wenn sie auch nicht die Konzentration, Dichte und aromatische Ausprägung von Chapoutier erreichten, scheint er einer der wenigen zu sein, die diesen mythischen Berg wohl verstehen.
2009 Hermitage blanc
Die Lage Mas de Greffieux grent an Chapoutiers Le Meal. Erreicht nicht die Konzentration der Chapoutier-Weine, aber dennoch ein sehr schöner, ich meine traditioneller Stil. Mittlere Kraft, cremig am Gaumen, frisch, sehr schöne balance, könnte einen tick länger sein.
2009 Hermitage rouge Le Greal
90% Syrah und 10% Marsanne von über 60 Jahre alten Reben aus dem Le Meal und dem Les Greffieux. Herrlich klare Aromen von saftigen Kirschen, etwas Pflaume. Wunderbar klar am Gaumen, sehr präzise Aromatik, nix kitschiges oder verwaschenes, etwas Rauch, etwas im Tannin ausgeprägter. Großartig.
Anschließend ging es per Shuttle nach Mercurol, dort standen hauptsächlich weiße und rote Crozes Hermitage auf dem Programm, davor war aber erst einmal Stärkung angesagt.
Unser erster Besuch galt der vor 2 Jahren entdeckten Domaine Vincent und Philippe Jaboulet. (Siehe Bericht) Wir konnten drei unterschiedliche Jahrgänge probieren.
2009 Crozes Hermitage blanc
2007 Hermitage blanc
2008 Hermitage blanc
2007 Crozes Hermitage rouge Domaine Collonge
saubere Frucht (Kirsche) Graphitnote.
2007 Crozes Hermitage rouge Philippe et Vincent
Ausbau im Holz, Frucht scheint etwas reduziert, Tannin etwas dominant, Wein wirkt verschossen
2007 Crozes Hermitage La Nouvellere
Alte Reben, 100% Holzfassausbau, Parzellenweise Selektion. Dichte Frucht, kraftvoll und elegant, Holz spürbar, braucht noch etwas Zeit.
2009 Crozes Hermitage La Nouvellere (Fassprobe)
Deutlicher Süßetouch vom Holz, zeigt in ersten Ansätzen, was in ihm und dem Jahrgang steckt, braucht Zeit.
2008 Hermitage rouge
Schlanker Hermitage, viel dunkle Früchte (Brombeeren), durch die schlanke Art ist die Säure betonter, dass Holz kommt etwas stärker hervor.
2009 Hermitage rouge (Fassprobe)
Da wächst etwas heran, noch in den Babyschuhen. Viel dunkle Frucht, Säure herrlich verpackt im kraftvollen Körper.
2007 Cornas rouge
Der momentan beeindruckenste Wein. Unglaublich viel Fleisch am Gaumen, seidig, elegant, kraftvoll. Großartig.
2008 Cornas rouge
Auch hier merkt man den etwas schlankeren Jahrgangstypus.
2009 Cornas rouge
Der 09er wird sicher ein großartiger Nachfolger des 07ers. Man merkt die Konzentration, die seidigkeit und bereits jetzt schon Harmonie. Wird in ein paar Jahren sicher zu großartiger Form auflaufen.
2010 schätzt der junge Philippe bei sich noch besser ein als 2009, jenem Jahrgang, dem Parker 100 Punkte, der WineSpectator „nur“ 98 Punkte gegeben hat.
2008 hat mich insgesamt (Ausnahme Chapoutiers Hermitage) nicht überzeugt, die Weine haben einen relativ schlanken Körper und dafür ein zuviel an Säure, die mir zu präsent ist. Und ob die Weine das Zeug zur Reife haben, glaub ich nicht. Sie werden sicher schöne Essensweine sein. Der 2009er zeigt sich zum Zeitpunkt der Probe recht tanninbetont und noch zurückhaltend in der Frucht.
Sehr schöne Weine präsentierte uns auch die Domaine Michelas Saint Jemms, vielleicht nicht so puristisch wie Jaboulet, dafür mit deutlich mehr dunkler Frucht und etwas weicheren Tanninen ausgestattet. Insgesamt etwas konsumentenfreundlicher.